Die Dame mit dem Hermelin

Ein Gesicht prägt die Kunst und schreibt Geschichte

Das um 1490 von Leonardo da Vinci gemalte kleinformatige Bild "Die Dame mit dem Hermelin" ist die Krönung der Ausstellung "Gesichter der Renaissance" im Bode-Museum, in der das Publikum 170 Hauptwerke der Porträtkunst: Tafelgemälde, Zeichnungen, Büsten, Reliefs und Medaillen von über 40 Meistern des Quattrocento, so die Bezeichnung des 15. Jahrhunderts in Italien, bestaunen kann.

"Die Dame mit dem Hermelin" ist das bekannteste Renaissance-Gesicht auf der Museumsinsel in Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

"Die Dame mit dem Hermelin" ist das bekannteste Renaissance-Gesicht auf der Museumsinsel in Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Meisterwerke in Zeiten des Marketings

Die in Kooperation mit dem Metropolitan Museum of Art in New York nach vierjähriger Vorbereitungszeit zustande gekommene Schau ist nach Meinung ihres deutschen Kurators Stefan Weppelmann "die gegenwärtig weltweit größte und bedeutendste Ausstellung zur Renaissance", denn sie versammelt in der Fülle und an einem Ort "sensationelle Meisterwerke", die man sonst nur "in Handbüchern der Kunstgeschichte nachschlagen und hier aus großer Nähe sehen kann." In drei Kapitel unterteilt: "Florenz", "Die italienischen Höfe" und "Venedig und das Veneto" zeigt sie im ersten Stock des Bode-Museums die Geburtsstunde des Individuums aus den Reihen der Oberschicht, die sich in zwei- und dreidimensionalen Auftragswerken von führenden Künstlern jener Zeit verewigen ließ. Von Donatello, Masaccio, Fra Angelico, Fra Filippo Lippi, Antonio und Pierro del Pollaiuolo, Botticelli, Domenico und Davide Ghirlandaio, Raffael, Pisanello, Jacopo Bellini, aber auch von Hans Memling oder Rogier van den Weyden, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen. Die Kulisse, in der ihre Werke inszeniert werden, ist ein Meisterwerk der Ausstellungsarchitektur und der Beleuchtungskunst. Die elf Säle, in denen kostbare Exponate auf eintausend Quadratmetern untergebracht sind, wurden neugestaltet und schwarz gestrichen. Raffiniert angestrahlt, tauchen sie aus der Dunkelheit geheimnisvoll auf, sodass man den Eindruck hat, sich in einer Gruft zu befinden, in der eine illustre Ahnengalerie der Frührenaissance vorgeführt wird. An ihrem Ende hängt das Porträt der "Dame mit dem Hermelin", ein kleines (54,7 x 40,5 cm), über 500 Jahre altes mit Öl und Tempera auf Nussbaumholz gemaltes Bild, in einem Kasten aus zwölf Millimeter Panzerglas vor potentiellen Attentätern geschützt. Dank der Kunst des Marketings ist es das bekannteste Renaissance-Gesicht, das "Gesicht der Gesichter" schlechthin. Gedruckt auf Plakate, Magnete, Teetassen, Mauspads, Plastiktüten, Baumwolltaschen und viele andere Dinge, die der Kunstkenner und interessierter Laie zum Leben (nicht) braucht, wird es gnadenlos vermarktet und zu einer neuen Pop-Ikone des 21. Jahrhunderts stilisiert. Wer das Original in Berlin sehen will, muss sich beeilen, denn die "Dame" wird im Bode-Museum nur bis zum 31. Oktober gezeigt, danach reist sie nach London. Ebenfalls als ein Highlight der großen Leonardo-da-Vinci-Ausstellung in der National Gallery.

Leonardo da Vinci: "Die Dame mit dem Hermelin", um 1490, Czartoryski-Sammlung Krakau. Quelle: Wikipedia

Leonardo da Vinci: "Die Dame mit dem Hermelin", um 1490, Czartoryski-Sammlung Krakau.
Quelle: Wikipedia

Der Mohr mit der Mätresse

Die von Leonardo da Vinci (1452-1519) porträtierte, ewig jung gebliebene Schönheit mit dem unvergänglichen weißen Kleinraubtier, auf dem ihre überdimensional große linke Hand ruht, blickt zusammen mit ihm nach rechts und auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Sie hieß Cecilia Gallerani und wurde um 1473 in einer aus Siena stammenden Familie geboren, die sich in Mailand niederließ. Cecilia war intelligent und gebildet, sprach Latein, schrieb Gedichte, kannte sich in Philosophie und Theologie aus. Anfang 1489 fiel die 16-jährige "donna docta" (gelehrte Dame) dem 37 Jahre alten Mailänder Herzog Lodovico Sforza, wegen seines dunklen Teints "Il Moro" genannt, ins Auge, der sie auf seinen Hof holte und zu seiner Geliebten machte. Doch ihr gemeinsames Glück war nicht von langer Dauer, denn dem "Mohren" war eine andere Gattin auserkoren. Am 16. Januar 1491 ehelichte er Beatrice, die Tochter des Herzogs von Ferrara Ercole d´Este. Knappe vier Monate später wurde Cesare, der Sohn von Cecilia und Lodovico geboren. Als Geschenk erhielt sie von Sforza ihr von Leonardo da Vinci gemaltes Konterfei sowie das Palazzo Carmagnola, damit sie nach ihrem unvermeidlichen Abgang vom Mailänder Hof angemessen wohnen konnte. Der dankbare und fürsorgliche Herrscher suchte seiner Mätresse auch einen Ehemann aus. Im Juni 1492 heiratete sie den Grafen Carminati de Brambilla, genannt Bergamini, der ebenfalls auf den Vornamen Lodovico hörte, und verschwand kurz darauf zur Erleichterung der Beatrice aus dem Leben ihres rechtmäßigen Gatten, an dem sie sich leider nicht lange Zeit erfreuen konnte. Sie starb bereits am 2. Januar 1497, knappe sechs Monate vor Vollendung des 22. Lebensjahres, während die Rivalin 1536 als Gräfin Cecilia Bergamini auf ihrem Schloss in San Giovanni in Croce in der Nähe von Cremona das Zeitliche segnete. Da war sie 63 Jahre alt und überlebte auch ihren Geliebten, ihren Ehemann, ihre fünf Kinder und den Meister Leonardo da Vinci, der sie einst malte und unsterblich machte.

Ludovico Sforza, gemalt von Francesco Napoletano, um 1494. Ausschnitt aus dem Sforza-Altar, Pinacoteca di Bera, Mailand. Quelle: Wikipedia

Gian Cristoforo Romano: Büste der Beatrice d´Este, um 1490/1491. Quelle: Louvre, Paris

Ludovico Sforza, gemalt von Francesco Napoletano, um 1494. Ausschnitt aus dem Sforza-Altar, Pinacoteca di Bera, Mailand. Quelle: Wikipedia

Gian Cristoforo Romano:
 Büste der Beatrice d´Este, um 1490/1491. 
Quelle: Louvre, Paris

Nachgebessert und spät entschlüsselt

Doch bevor sich die Nachwelt an dem heute mit der astronomischen Summe von 300 Millionen Euro versicherten und kugelsicheren Werk erfreuen konnte, vergingen fast drei Jahrhunderte. In wessen Besitz es sich nach Cecilias Tod befand, ist unbekannt. Das Porträt der "Dame mit dem Hermelin" tauchte erst 1800 auf. Es wurde von Adam Jerzy Prinz Czartoryski wahrscheinlich in Italien gekauft. Der polnische Prinz wusste nichts über das Bild, doch er war davon begeistert und schenkte es seiner Mutter Izabela, die in ihrer Residenz in Puławy unweit von Lublin eine Kunstsammlung aufbaute. Die Prinzessin verglich das Porträt der unbekannten Dame mit einem Bild von Leonardo da Vinci, das die Geliebte des französischen Königs Franz I., Madame Féron, genannt "La Belle Ferronière", darstellte, und kam zum Schluss, dass es sich um dieselbe Person handelt. Sie ließ in der linken oberen Bildecke die Aufschrift "La Belle Ferronière – Leonardo da Winci", anbringen, die dort bis heute in unveränderter Schreibform erhalten geblieben ist. Damit nicht genug: Wohl auf Geheiß der Prinzessin Izabela Czartoryska wurde das Bild "verbessert". Der ursprüngliche lichtdurchflutete blaugrüne Hintergrund wurde mit schwarzer Farbe übermalt. Die Korallenkette, das Stirnband und die Verzierungen des Kleides wurden mit einer dicken Farbschicht bedeckt, die Wangen der "Dame" mit Rosa "gepudert", die Konturen der Nase, die Augenbrauen und die Haarsträhnen mit dunkelbraunen Strichen nachgezogen, die Pupillen mit dunkelbrauner Farbe gefüllt. So ging das für da Vincis Malerei charakteristische "sfumato" (die Verwischung der Konturen) unwiderruflich verloren. Das Porträt hing bis 1830 im "Gotischen Haus", dem Museum der Czartoryski in Puławy. Nach der Niederlage des Novemberaufstands, als die Russen die Czartoryski-Besitztümer beschlagnahmten, gelang es, dieses Gemälde und viele andere Exponate aus ihrer Kunstsammlung nach Paris zu bringen. Über 30 Jahre später kehrte die "Dame" nach Polen zurück und war eines der Hauptwerke des am 1. Dezember 1876 eröffneten Czartoryski-Museums in Krakau. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Porträt als Bildnis der Cecilia Gallerani identifiziert: Das führte man einerseits auf ihrem Namen zurück, in dem das griechische Wort "galée" (Hermelin) steckt, andererseits fanden Historiker heraus, dass Lodovico Sforza 1488 vom König Ferdinand von Neapel der Hermelinorden verliehen wurde, was dem "Mohren" den Beinamen "ermellino bianco" (weißes Hermelin) brachte. Das Hermelin auf dem Porträt der Cecilia Gallerani ist also eine Allegorie ihres Geliebten.

Der polnische Kunsthistoriker Karol Estreicher präsentiert 1946 "Die Dame mit dem Hermelin" auf dem Krakauer Hauptbahnhof zusammen mit dem US-amerikanischen MFAA-Leutnant Frank P. Albright  und zwei nicht identifizierten GIs. Quelle: Lynn Nicholas

Der polnische Kunsthistoriker Karol Estreicher präsentiert 1946 "Die Dame mit dem Hermelin" auf dem Krakauer Hauptbahnhof zusammen mit dem US-amerikanischen MFAA-Leutnant Frank P. Albright
 und zwei nicht identifizierten GIs. Quelle: Lynn Nicholas

Für das "Führer-Museum" bestimmt

Im 20. Jahrhundert geriet die "Dame mit dem Hermelin", das einzige Bild da Vincis in Polen, in die Wirren der Geschichte. Während des Ersten Weltkriegs wurde es sicherheitshalber in der Dresdner Gemäldegalerie deponiert, doch erst zwei Jahre nach Kriegsende konnte das Porträt nach Krakau zurückkehren. 1939 wurde es von den deutschen Besatzern beschlagnahmt, nach Berlin verschleppt und im Kaiser-Friedrich-Museum (das seit 1956 Bode-Museum heißt) verwahrt. Obwohl es für die Sammlung des geplanten "Führer-Museums" in Linz bestimmt war, weckte die "Dame" die Begierde von Hans Frank, Leiter des s.g. Generalgouvernements im besetzten Polen, der auf dem Wawel-Schloss der polnischen Könige in Krakau residierte und sich das Meisterwerk unter die Nägel riss. Mitte Januar 1945 nahm er es zusammen mit anderer Beutekunst mit auf die Flucht vor der Roten Armee, die vor den Toren Krakaus stand. Am 4. Mai 1945 wurde der "Generalgouverneur" von US-amerikanischen Soldaten im Neuhaus am Schliersee in Bayern festgenommen und in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilt. 1946 kehrte "Die Dame mit dem Hermelin" nach Polen zurück. Das Foto des Kunsthistorikers Dr. Karol Estreicher, Hauptmann der polnischen Streitkräfte im Westen und Leiter der Rückführungskommission der polnischen Exilregierung in London, der das gerettete Bild auf dem Krakauer Hauptbahnhof präsentierte, ging um die Welt. Die Volksrepublik Polen verstaatlichte die Czartoryski-Sammlung nicht, sie wurde vom Nationalmuseum in Krakau betreut. Nur einmal schickte es in dieser Zeit "Die Dame mit dem Hermelin" auf Reisen: 1972 wurde sie in der Ausstellung des europäischen Porträts vom 15.-20. Jahrhundert im Puschkin-Museum in Moskau gezeigt. 1991 begann für die "Dame" eine neue Ära: Die Czartoryski-Sammlung wurde der Czartoryski-Familie, vertreten durch Adam Karol Prinz Czartoryski Borbon, geboren 1940 in Sevilla, übergeben, der sie in die Czartoryski-Stiftung überführte. Seitdem reist das wertvolle Bild um die Welt. In den letzten zehn Jahren wurde es in bedeutenden Museen in Washington, Malmö, Stockholm, Rom, Mailand, Florenz, Kioto, Nagoya, Yokohama, Milwaukee, Houston, San Francisco, Budapest und Madrid ausgestellt. Das stößt auf großen Widerstand der polnischen Konservatoren und Ministerialbehörden, die der Meinung sind, dass solche Reisen der "alten Dame" schaden und dass man ihr eine längere Ruhepause gönnen muss.

Adam Karol Prinz Czartoryski Borbon und seine Frau Josette Calil nebent der "Dame mit dem Hermelin" im Bode-Museum Berlin.  Foto © Urszula Usakowska-Wolff, 25.08.2011

Adam Karol Prinz Czartoryski Borbon und seine Frau Josette Calil neben der „Dame mit dem Hermelin”
 im Bode-Museum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, 25.08.2011

 

Der Prinz löst Alarm aus

Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass "Die„Dame mit dem Hermelin" vor dem genehmigten Termin in London auch nach Berlin reisen durfte. Erst als sich der in Rom lebende einstige Karate-Sportler Adam Karol Prinz Czartoryski Anfang Mai dazu verpflichtete, das Bild ab 2012 zehn Jahre lang nicht mehr auf Tournee zu schicken, gab das polnische Kulturministerium grünes Licht. So war der durchsetzungsfähige Aristokrat der große Star der Pressekonferenz vor der Eröffnung der "Gesichter der Renaissance" im Bode-Museum. Beim Fototermin am 24. August drängten ihn die Kameraleute so dicht an das hochgesicherte und hochversicherte Porträt der Cecilia Gallerani, dass die Alarmanlage zu heulen begann. Oder war es das Keckern des vom Blitzlicht irritierten Hermelins?

Text © Urszula Usakowska-Wolff

"Gesichter der Renaissance"
Meisterwerke Italienischer Portrait-Kunst
bis 20. November
Bode-Museum – Museumsinsel Berlin
10178 Berlin
Tagesticket 14/7 €

Katalog 29 €

Info: www.smb.museum/smb/gesichter/index.php

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