Die groSSe Welle

Hokusai-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau

Mit der großen Retrospektivausstellung "Hokusai" bietet der Martin-Gropius-Bau in diesem Herbst einen künstlerischen Leckerbissen der  besonderen Art. Über 400 Arbeiten des bekanntesten japanischen Künstlers werden aus Anlass des 150-jährigen Jubiläums der deutsch(preußisch)-japanischen Beziehungen gezeigt. Eine solche umfassende Ausstellung der Werke Hokusais hat es nicht vorher gegeben und wird es aus konservatorischen Gründen auch frühestens erst wieder in zehn Jahren geben, wenn in Sumida, seiner Geburtsstadt bei Tokio, das Hokusai-Museum eröffnet wird.  

Hokusai: Der Suwa-See in der Provinz Shinano. Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji",  um 1831. © Sumida City

Hokusai: Der Suwa-See in der Provinz Shinano. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji,  
um 1831. © Sumida City

Im Mittelpunkt des Interesses steht sicher das bekannteste Werk Hokusais "Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa", das 1831 in der Serie "36 Ansichten des Bergs Fuji“ entstand. Nach den Erfahrungen der Tsunami-Katastrophe dieses Jahres scheint es Prophetie des Unheils zu sein. Liest man das Bild von Rechts nach Links, wird das ganze Ausmaß der zerstörerischen Kraft der Natur deutlich. Die kleinen Fischerboote werden von der Gischt verschlungen, und im Hintergrund ist davon der heilige Berg Fuji, Göttersitz, unberührt. Obwohl die "Große Welle" eine Ikone nicht nur Hokusais, sondern der japanischen Kunst schlechthin ist, haben die Kuratoren der Versuchung widerstanden, dieses Bild besonders hervorzuheben. Es hängt in einer Reihe mit den übrigen Bildern aus der Fuji-Serie.  

Hokusai: Die Insel Tsukudajima in der Provinz Musashi. Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji",  um 1831. © Sumida City

Hokusai: Die Insel Tsukudajima in der Provinz Musashi. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji,  
um 1831. © Sumida City

Ein erfülltes Künstlerleben

Die Ausstellung ist chronologisch gehängt und vermittelt so einen guten Eindruck von der Vielfältigkeit des großen Werks Hokusais. Es beginnt mit Rollbildern, die der junge Künstler anfertigte, auf denen Szenen mit Stars des japanischen Kabuki-Theaters festgehalten sind. Es folgen die ersten, schon meisterhaften Holzschnitte mit Bildern aus dem Alltagsleben, Landschaften und Stadtansichten. Hokusai schuf die ersten Mangas, Bilderbücher der Natur, des häuslichen Lebens, Lehrbücher über richtiges Zeichnen und geschickten Umgang mit Farben. Er entwarf Bastelbögen für den Nachbau von berühmten Tempeln aus Papier und Spielkarten mit satirischen Motiven. Leider fehlen die Holzschnitte mit Motiven aus den "Grünen Häusern", den Bordellen der Hafenstadt Sumida, in der Ausstellung. Den Abschluss bildet ein Brief Hokusais, in dem er eine Schuld eintreibt und den er ein Selbstporträt beifügt: ein freundlich lächelnder alter Herr, der bis ins hohe Alter hinein produktiv war und bei aller Meisterschaft immer noch nach Vervollkommnung strebte.  

Hokusai: Die Halle Sazaidô des Tempels Gohyaku-rakanji. Aus der Serie "36 Ansichten des Berges Fuji",  um 1831. © Sumida City

Hokusai: Die Halle Sazaidô des Tempels Gohyaku-rakanji. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji,  
um 1831. © Sumida City

Japanische Ästhetik

Hokusai hält sich auch bei den Arbeiten, die als Gebrauchsgraphik bezeichnet werden können, an die Regeln der klassischen japanischen Ästhetik: Mono-no-aware, die Erinnerung an die Vergänglichkeit; Wabi-sabi, die Bescheidenheit; Iki, die Urbanität und Empfindsamkeit; und Yohaku-no-bi, die Schönheit des übrig gebliebenen Weiß. Dabei bleibt er nicht im traditionellen Regelkanon gefangen. Er greift die neuen Eindrücke auf, die mit dem Handel nach Japan vermittelt wurden, und betitelt eine Reihe seiner Holzschnitte ausdrücklich "im holländischen Stil". Auch von der neuen Farbe Berliner Blau, 1706 in Berlin erfunden, macht er reichlichen und virtuosen Gebrauch.  

Hokusai: Ôji, um 1801-04. © Katsushika Hokusai Museum of Art

Hokusai: Ôji, um 1801-04. © Katsushika Hokusai Museum of Art

Ein Bilderbogen aus Japan

Die Mannigfaltigkeit dieses unruhigen und in seinen Arbeiten doch ruhig meditativen Künstlers hat nicht nur in der Tatsache ihren Niederschlag gefunden, dass er seine Kunst unter dreißig verschiedenen Künstlernamen veröffentlichte. Ob er nun Landschaften festhielt oder Tiere in einer Präzision auf die Bilder bannte, als seien es Illustrationen für ein naturkundliches Lehrbuch, ob er zarte Blumen quasi auf den Malgrund hauchte oder schöne und elegante Frauen, Furcht erregende Krieger und spielende Kinder malte, ja selbst einen Mann, der mit einem Furz eine Kerze zu löschen versucht, stets nimmt diese Kunst gefangen und vermittelt ein lebendiges Bild japanischen Denkens und Lebens.

Leider kann die Hokusai-Ausstellung aus konservatorischen Gründen nur zehn Wochen gezeigt werden. Die alten Papiere und die delikaten Farben vertragen keine längere Lichteinstrahlung. Es gilt also sich zu sputen, wenn man dieses einmalige Erlebnis großer japanischer Kunst genießen will.

Noch ein kleiner Hinweis: der Name Hokusai wird im Japanischen ausgesprochen wie Hoksai. Das U in der Mitte wird vernachlässigt.

Text © Manfred Wolff  

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
bis 31. Oktober 2011 verlängert
Mi-Mo 10 bis 20 Uhr
Eintritt: 9/6 €, bis 16 Jahre frei

Katalog: 22 € (Museumsausgabe); 39,95 € (Buchhandelsausgabe)

Info: www.gropiusbau.de

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