Sehnsucht nach Erlösung

Michael Triegel liebt die Ästhetik der sakralen Kunst und setzt sich mit ihr in seinen perfekt gemalten Bildern auseinander

Für die größte deutsche Boulevardzeitung ist er "einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit“, Radio Vatikan hält es für wichtig, über seine kleine Ausstellung in der evangelischen St. Matthäus-Kirche in Berlin zu berichten, und der syrische Blogger und Fotograf Salmo Al-batal aus Damaskus schreibt: "Michael Triegel ist eine neue Kunstikone."

Michael Triegel vor seinem Bild "Abendmahl" (1994). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel vor seinem Bild "Abendmahl" (1994). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Der vor einem Jahr als "Papst-Maler" in die Schlagzeilen gekommene Michael Triegel, 1968 in Erfurt geboren und Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, ist auf dem besten Weg, zu einem Kunst- und Medienstar zu werden. Die einen halten ihn für einen Meister der heute weitgehend verpönten realistischen Malerei, in der er religiöse Inhalte vermittelt und so zu einer Wiedergeburt der christlichen Spiritualität beiträgt. Die anderen werfen ihm vor, ein Narziss, Reaktionär und Provokateur zu sein. Dabei geraten seine subtilen, rätselhaften und makellos gemalten Bilder, in denen er sich mit der Vergänglichkeit beschäftigt, oft in den Hintergrund. Vanitas-Stillleben mit Kerzen, Totenschädeln, Schmetterlingen, Fliegen und Hummern, mythologische Gestalten und Heilige, aber auch ganz "profane" Pflanzen wie blühende Amaryllis oder Hortensien gehören zu seinen Motiven. "Für Michael Triegel, der die Malerei in technischer Perfektion beherrscht, ist der Pinsel ein Instrument der intensiven Wahrnehmung", schreibt Wolf-Dietrich Löhr, Professor am Kunsthistorischen Institut der FU Berlin. "Seine Gemälde stehen im Dialog mit den Meistern der Renaissance und knüpfen in Auseinandersetzung mit der Tradition der christlichen Kunst an unser Bildgedächtnis an. Indem sie das scheinbar Bekannte im ungewohnten Licht konsequenter Gegenständlichkeit und etablierter Symbole in neuer Konfiguration zeigen, stellen sie unsere Sehgewohnheiten auf den Prüfstein."

Michael Triegel: "Der Tastsinn" (2003). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel: "Der Tastsinn" (2003). Foto © Urszula Usakowska-Wolff 

 Gehäutetes Osterlamm

Der Titel der Ausstellung "per visibila ad invisibila", die in Anwesenheit des in Leipzig lebenden Künstlers am 1. September in der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum unter großem Publikumsandrang eröffnet wurde, ist gut gewählt. Seine 15 im letzten Jahrzehnt entstandenen Gemälde, die "durch das Sichtbare zum Unsichtbaren" führen, sind auf den ersten Blick als gegenständlich erkennbar. Sie sind täuschend echt: die Blumen, die Äpfel, die Fische, die Trauben, die empfängnisbereite Frau, der gemarterte heilige Sebastian, der gekreuzigte und dann um Mitternacht auferstandene Christus. Doch bei genauer Überprüfung merkt man, dass diese Bilder mehr darstellen, als darauf zu sehen ist. Die Blumen sterben langsam im Glas, das Osterlamm liegt gehäutet und zum Teil ausgeweidet auf dem Tisch neben silbernen Münzen und einem Diamantenring. Zwei Fliegen sitzen in der Nähe des Kadavers. Über der Empfängnisbereiten hängt eine Rinderhälfte. Der heilige Sebastian hat eine homoerotische Ausstrahlung und scheint sich dem Leiden etwas gelangweilt hinzugeben. Auf ein primitives Kreuz ist ein Stück Fleisch – ein tierisches Herz – genagelt, aus dem Blut tropft. Es ist also nicht so sehr die Religion, die Michael Triegel interessiert, sondern die Ästhetik ihrer blutigen Rituale, die in das christliche, vor allem in das katholische Brauchtum eingegangen sind: Die Verehrung des gemarterten Fleisches, die "unsichtbare" Grausamkeit des Glaubens, von der auf vielen Bildern "sichtbaren" Künstlerhand so schön und schaurig auf Holzfaserplatte oder Leinwand gebannt.

Michael Triegel: "Osterstillleben" (2002). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel: "Osterstillleben" (2002). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Fast auf die Knie gefallen

"Das Ästhetische am Katholizismus, was durch Bilder geprägt ist, hat etwas mit Sinnlichkeit zu tun", sagt Michael Triegel, der sich als "noch ungläubig" bezeichnet. "Die Protestanten haben den Thomanerchor in Leipzig und die besseren Musiker, der Katholizismus versucht, die Glaubensinhalte sinnlich zu vermitteln. Nicht nur intellektuell über das Wort, was im Protestantismus der Fall ist, sondern durch Dinge, die nicht auszusprechen sind und die vielleicht noch immer auf ein Geheimnis hinweisen. Als ich zum ersten Mal 1990 in Rom war, hatte mich die sakrale Kunst, die ich dort gesehen habe, so beeindruckt, dass ich fast auf die Knie gefallen bin. An die Auferstehung kann ich nicht glauben, an die unbefleckte Empfängnis auch nicht, aber die Form der religiösen Kunst ist so prägnant, dass sie mit mir etwas macht. Sie weckt meine Sehnsucht nach dem Wunderbaren in einer Welt, die allein mit Rationalität nicht zu verstehen ist." Seine Vorbilder sind die italienischen Künstler der Hochrenaissance und des Manierismus, deren Maltechnik er perfekt beherrscht. "Aber ich bin kein Technikfetischist“, erklärt er. "Das Allerentschiedenste ist, ob ich etwas zu sagen habe oder nicht. Wenn ja, findet sich die Technik von selbst."

Michael Triegel: "Ostertraum" (2008). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel: "Ostertraum" (2008). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sinnlichkeit des Materials

Obwohl Michael Triegel inzwischen ein bekannter und gefragter Künstler ist, der sich ein Assistententeam leisten könnte, macht er alles, außer den Bilderrahmen, selbst. "Rubens hatte eine Werkstatt und er hatte Frans Snyders für die Früchte und Antonius van Dyck, der die Hände so gut malen konnte, wie ich es gern hätte! Doch ich mache alles selbst. Ich brauche diese lapidaren Arbeiten wie das Grundieren, um ein Gefühl für das Material und die Bildgröße zu bekommen. Ich brauche wirklich dieses rein Mechanische, wo ich den Kopf leer kriege. Die Malerei hat nicht nur mit dem Intellekt zu tun, sondern auch mit der Sinnlichkeit des Materials: wie stelle ich Haut dar, wie sind Haare beschaffen." Den Vorwurf, dass seine Kunst narzisstisch ist, weil er sich darin häufig darstellt, lässt Michael Triegel nicht gelten. "Meine Bilder haben mit Narzissmus oder Eitelkeit nicht zu tun", entgegnet er. "Das hat vor allem pragmatische Gründe. Wenn ich Christus male und er zufällig meine Züge trägt, dann geht es nicht darum, dass ich mich mit Christus gleichsetze, sondern darum, dass ich Christus als Mensch wahrnehme, und da bin ich mir derjenige, den ich am besten kenne. Und in hundert Jahren ist es egal, da weiß niemand, wie ich ausgesehen habe, und dann ist es relativ Wurscht, wessen Gesichtszüge der von mir Dargestellte hat. Dürer hat sich auch oft selbst dargestellt."

Michael Triegel vor seinem Bild "Am Kreuz" (2008). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel vor seinem Bild "Am Kreuz" (2008). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Der Tisch ist leer

Michael Triegel malt "tragische Bilder der Einsamkeit." Das "Abendmahl" (1994) zeigt Christus vor einem schwarzen Vorhang, der eine idyllische Landschaft nur spärlich preisgibt. Sein Gesicht ist nicht erkennbar, denn der Künstler hat es mit Blattgold bedeckt. "Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass Christus zwar da, aber eigentlich abwesend ist", sagt er. "Was ist also übrig geblieben? Ist dieses Blattgold anstelle seines Gesichts eine polierte Oberfläche, wo wir uns als gesteigertes Ich sehen können, oder ist von der ganzen Religion, vom Glauben nichts anderes übriggeblieben als kostbares Blattgold? Wo ist Christus? Ist er noch vorhanden? Ist er als Geistiges noch präsent eben durch dieses Gold oder ist er verloren gegangen? Diese Verlorenheit wird hier unterstrichen. Er sitzt ja allein an dem Tisch, der Tisch ist leer, die Jünger sind weg, und hinter ihm ist eben nicht die Welt, sondern dieses schwarze Tuch, das ihn wie Tod schon absorbiert: Das war die Idee bei diesem Bild." Und er erklärt seine Arbeitsweise: "Ich male alles direkt auf die Tafel. Wenn ich einfach eine Skizze hätte, die ich eins zu eins auf das Bild übertragen würde, dann hieße es, dass ich mich zum Handwerker degradierte. Für das Spontane mache ich Radierungen und Zeichnungen."

Michael Triegel: Altarbild "Kreuzigung" (2001). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel: Altarbild "Kreuzigung“ (2001). Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Einer aus dem Osten malt den Papst

Michael Triegel hat eine große Ausstrahlung und ein gewinnendes Wesen. Er glaubt an den tiefen Sinn seiner Kunst und der Worte, mit denen er sie erklärt. Er malt und zeichnet seit 20 Jahren, aber er hat sich einen Namen vor allem als Porträtist Benedikts XVI. gemacht. "Ja, Maler des Papstes, das werde ich wohl nicht mehr los", schmunzelt er. "Für meine Kollegen und viele Journalisten war es ein ästhetisches Verbrechen, so einen Auftrag anzunehmen, andere fanden es klasse, dass einer aus dem Osten den Papst malt. Und mein gesamtes Oeuvre besteht aus etwa 350 Gemälden neben Radierungen und Aquarellen." In seiner Kunst setzt er sich mit Problemen auseinander, die ihn persönlich bewegen, und die, wie er meint, auch für andere Menschen wichtig sind: Tod, Einsamkeit, Sehnsucht nach Erlösung. Das mag als reaktionär oder rückwärts gewandt wirken, doch der Leipziger Maler hat den Eindruck, dass seine Beschäftigung mit dem Alten "„viel frischer und weniger abgedroschen ist als das Neue."

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Michael Triegel
"per visibila ad invisibila"
bis 15. Januar 2012
St. Matthäus-Kirche im Kulturforum
Matthäikirchplatz
10785 Berlin
Di – So 12 – 18 Uhr
Eintritt frei

Info: www.stiftung-stmatthaeus.de

www.galerie-schwind.de

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