Vadim Sidurs Welt  

"Ein Herrscher im Reich der großen globalen Gegenüberstellungen“, nannte ihn Ilja Kabakov, einen Künstler, der einem König Lear gleich in der Gefolgschaft seiner Skulpturen an einem Ort lebte, an dem er auf eine rätselhafte Weise eingesperrt gewesen sei. Und wer ihn je in seinem Kelleratelier im Zentrum Moskaus besucht hätte, der sei von einer Welle "einer anderen mythischen Zeit“ überrollt worden.Dennoch sei der verblüffte Gast der reale Gegenstand eines unerschöpflichen Interesses geworden, mit dem Vadim Sidur seine Neugier bei der Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen befriedigte, der ihm einen Besuch abstattete.

Mythen im alltäglichen Kontext

In der einleitenden Erinnerung Kabakovs an den 1986 verstorbenen Bildhauer verdichten sich die Eindrücke zu beinahe mythischen Bildern von einer Persönlichkeit, die in der Gestalt eines Mönches, der an den Rand der Erde gekommen ist und "einen Blick über den Horizont geworfen hat.“ Diesem Blick ins Transzendentale folgt der Kunst- und Religionswissenschaftler Evgenij Barabanov nicht. Er setzt sich in seinem Essay "Der Mahner“ mit den skulpturalen Ausdrucksformen eines Oeuvres auseinander, dessen Deutung auf Grund einer Vielzahl ordnender Systemkontexte möglich sei. Diese seien hypersymbolisch kompakt, mythisch aufgeladen und stünden untereinander in einer stetigen Wechselbeziehung. In zehn Thesen unternimmt er den Versuch, das künstlerische Repertoire der Skulpturen zu erfassen. Ausgehend von der Hypothese, dass Sidurs Aneignung der Welt aus den Wurzeln des klassischen Erbes erfolge, bezeichnet er die dialogische Aufarbeitung der Gegenwart in der Form des Denkmals als primäres Element in dessen Schaffen. Daraus folge , dass jedes Einzelwerk Sidurs in eine größere systemisch aufgebaute Einheit eingebracht werde. Die dabei entstehenden "ewigen Themen“ (Tod, Leben, Eros, männliches/weibliches Element u.a.) entfalteten sich in einer plastischen Form, in der eine zum Raum gewordene Zeit mit einem hohen Grad an Energie aufgeladen werde. Barabanov verbindet klassische Elemente des Strukturalismus mit Kategorien einer Systemtheorie, die sich einer kunstwissenschaftlichen Formelsprache bedient, die weitgehend auf einem elaborierten Terrain bewegt. Auf diese Weise gelingt ihm z.B. das weitgefächerte System des Erotischen in den Sidurschen Skulpturen in mehrere Varianten aufzuteilen. Auch im Hinblick auf die Welt des Thanatos, die bei Sidur in der "Sarg-Kunst“ eine besonders manifeste Ausprägung gefunden hat, verwendet Barabanov mit Hilfe von psychoanalytischen und ethnologischen Kategorien ein in sich geschlossenes Bewertungssystem. Dieses kommt  der Komplexheit eines künstlerischen Werkes zugute, in dem umfunktionalisierte Mythen in alltäglichen Kontexten zur Anwendung kamen.

Alternative Gegenwartskunst

Ganz besonders eindrucksvoll ist ihm die Umsetzung des Mythischen in das Alltägliche in seinen vielen Holzskulpturen gelungen, die Sidur vor allem in seinem Sommerhäuschen vor den Toren von Moskau, in Alabino, in den 1980er Jahren schnitzte. Einen Eindruck davon vermitteln auch die Fotographien, die der Herausgeber, David Riff, in seinem Essay kommentiert. Unter Verweis auf den Sidur-Fotografen Eduard Gladkov, der zehn Innen- und fünf Außenaufnahmen zu dieser Publikation beigesteuert hat, setzt sich Riff zunächst mit den allgemeinen Produktionsbedingungen für die künstlerische Fotographie in der ehemaligen Sowjetunion auseinander, um sich dann mit der fotographischen Aneignung von Monumentalplastiken unter besonderen Bedingungen (Innenräume, Außenräume, Verhältnis der Kunstwerke zu deren fotomechanischen Abbildung)  zu beschäftigen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass das fotographische Sidur-Archiv mit dem Problem behaftet sei, "dass die Bilder einerseits wertvolle Zeugnisse eines erlebten Mikrokosmos  enthalten, andererseits der Banalisierung und Verflachung dieses Erlebens von seiten der Geschichte anheimfallen.“ (S. 57).

Dass die erste Behauptung eher der Realität von effizienter Kunstgeschichtsschreibung entspricht, verdeutlicht die beigelegte CD-ROM, auf der der Kosmos des Sidurschen Werkes eindrucksvoll ins digitalisierte Bild gesetzt wird. Sie komplettiert eine einfühlsame Publikation zur russischen alternativen Gegenwartskunst, die leider erst nach 1986 in das ungefilterte Bewußtsein der sowjetischen Öffentlichkeit gebracht werden konnte.

Text © Wolfgang Schlott


David Riff (Hg.)

Mythen, Zyklen und die heutige Situation:
Die Welt des Moskauer Bildhauers Vadim Sidur

Lotman-Institut für russische und sowjetische Kultur

Bochum 2000

63 S., 14 Schwarz-Weiß-Grafien. CD-ROM
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Preis 49 €


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