Klaus Zyllas eigenwilliges Panoptikum

Nie weiß der Betrachter, wo er ist, aber er ist immer im Bilde, denn es ist augenfällig, dass der Betrachter stets in einen Raum schaut, obwohl perspektivisch gar keiner dargestellt wird. Die Figuren - nicht selten betont silhouettenhaft - sind häufig angeschnitten und scheinen tatsächlich wie in einer Guckkastenbühne ihren Spuk zu treiben. (S. 12. Jörn Merkerts Eloge auf die gestisch-orgiastischen Malweisen eines Künstlers, der seit Ende der 80er Jahre eine Fülle von Siebdrucken, Buchillustrationen, Radierungen, Ölbildern und Künstlerbüchern hervorgebracht hat, ist von einer gleichsam überschäumenden Freude erfüllt. "Ópio, ėter e laranjas oder Malerei als Droge“ - Opium, Äther und Orangen: mit diesem Verweis auf das bewährte Rezept portugiesischer Seefahrer gegen die Malaisen der Seefahrerei, Skorbut, Einsamkeit und Trostlosigkeit, beschwört der Kunsthistoriker eine synästhetische Wahrnehmung von Bildlandschaften, die auf Produzenten wie auch auf Rezipienten wie Drogen wirkten. Klaus Zylla male Bilder, die einen schwindelig machen können, weil alles so gegensätzlich und sprunghaft wechselnd ist. (S.10)

Faszinierende Dichte

Wer ist Klaus Zylla? 1953 in Cottbus/Niederlausitz geboren, erlernte er in den frühen achtziger Jahren das Druckerhandwerk. Von 1982 bis 1984 studierte er an der Hochschule in Dresden, von 1985 bis 1990 betrieb er eine Siebdruckwerkstatt in Berlin. Bei seinen Begegnungen mit Kunst im Dresdner Kupferstich-Kabinett bewegten ihn nach Ansicht von Merkert vor allem die fantastisch skurril verrätselte ‚Andere Seite’ von Kubin (S. 14) wie auch die Genauigkeit der Menschenbilder von Albrecht Dürer. Solche Inspirationen wie auch die Anregungen von dem Konstruktivisten Hermann Glöckner bildeten die Grundlagen für Zyllas Siebdruck-Komposition. Thomas Günther, Verleger, Dichter und Vertriebsmanager, der in dem Bildband mit einem einfühlsamen, eindrucksvoll illustrierten Text die Künstlerbücher von Zylla aus den  Jahren 1987 bis 2003 vorstellt, nennt sie ein künstlerisches Prinzip, das in der Überzeichnung und Übermalung der Siebdrucke besteht. Den ästhetischen Nachweis für die Schaffung des individuellen Charakters, den die einzelnen Kunstwerke durch diese Verfahren gewinnen, erbringt Günther in der ausführlichen Darstellung der Künstlerbücher, die in unterschiedlichen Editionen und unter oft abenteuerlichen Umständen produziert wurden. Es begann mit dem Band "Vieh Guren“ im Selbstverlag 1988, in 20 Exemplaren, ohne Druckgenehmigung der DDR-Kulturverwalter, setzte sich fort mit "Schwein am Spieß“ (1990). 1991 entstanden "Ungebrochene Fragmente“ mit Texten von Stefan Döring. 1992 beteiligte sich Zylla an der Gruppenausstellung "50 x Entwerter- Oder“ (Titel einer bekannten unabhängigen Künstler-Zeitschrift). 1993 entstand die Edition Dschamp, an der sich der Künstler mit vier Anthologien "Dschamp3/ Dschamp4 / Nächte mit Vau0 / Oliv ist Arsen oder Pekinger Wüsteneien“ beteiligt war. Die folgenden Jahren waren von immer ambitionierteren Unternehmen geprägt: "Brauwolke“ (nach Texten von Marcel Beyer) im Uwe Warnke Verlag, "Rolltreppen im August“ (nach Texten von Wolf-Dieter Brinkmann), "Nachruf auf ein fabelhaftes Weib“ (Text: François Villon), entstanden in limitierten Auflagen von bis 30 Exemplaren. Seit 1993 schuf Zylla auch Ölbilder, die auf der Materialgrundlage von Papier zu einem Buchprojekt wie "Die Irren - Die Häftlinge“ führte, das als work in progress aus 480 Zeichnungen und Gouachen bestand. Die limitierte Auflage ist in der Zwischenzeit von zahlreichen Bibliotheken und Privatsammlern in Westeuropa und Nordamerika aufgekauft worden. In den späten 90er und in den ersten drei Jahren des 21. Jahrhunderts sind weitere Künstlerbücher nach Texten von Berthold Brecht, Thomas Bernhard, Karlheinz Deschner, Antonin Artaud, Ernst Jünger wie auch Thomas Günther vor allem in dessen Edition auf Zeit herausgebracht worden. Ihre Bildreproduktionen sind in Auszügen in dem vorliegenden Band (vgl. S.116-134) in einer faszinierenden Dichte abgebildet, deren Wirkung durch das Zusammenspiel von bizarrer Figuration, wahnwitziger Mimik, schräger Gestik und aufregendem Duktus der verschiedenen Schriftarten entsteht.

Grauen unter der Oberfläche

Verwirrend sind in der Tat auch die ersten bildlichen Eindrücke, mit denen der Betrachter beim Durchblättern des Katalogs aus dem Swiridoff Verlag konfrontiert wird. Bereits auf den Seiten 7 und 8 fällt der Blick auf die schemenhaften Konturen eines Ballons in gelblich-weißen himmlischen Gestaden, die durch heftige, gestische Grautöne unterbrochen sind. Auf den Seiten 21 bis 27 erwartet ihn eine Reihe von skurrilen Figuren, die einen eigenwilligen Doppelcharakter aufweisen. Es sind eigenständige Bildkompositionen, die ihre Anregungen aus Thomas Bernhards erzählerischem Werk gewonnen haben. Sie könnten Illustrationen zu dessen Prosawerken "In meiner Hauptstadt“ und "Alte Meister“ sein, wenn nicht jede der wuseligen, mit mehreren Farbschichten übermalten Figuren ein Eigenleben inmitten eines Umfeldes führen würde, das zuweilen von Textfeldern umgeben ist. Es sind großformatige Öl-auf-Leinwand-Gemälde wie auch Acryl/Kreide-Arbeiten. Sie verweisen auf Grund der Titel, wie z.B. zu Hermann Fürst von Pückler-Muskau auf dessen Reisen in den Orient wie auch auf die Ausgestaltung des Schlosses in Muskau an der Oder. "Fado Saudade“ - mit diesem Zyklus, Mischtechnik auf Papier, präsentiert Klaus Zylla seine "Portugiesischen Blätter“, die während eines Aufenthaltes in Portugal entstanden. Auffällig ist hier die Aufbrechung des Figurativen und die noch freiere Gestaltung des Bildes, in dem groteske Gestalten, surreale Raumassoziationen und amorphe Substanzen zu einem eigenwilligen Panoptikum geformt werden, in dem weder expressionistische noch informelle Malweisen dominieren. Dennoch herrscht nicht der Eindruck vor, als ob sich der Karneval der Geschichte entfalte. Trotz aller bizarren Buntheit und ungeachtet des spannungsgeladenen Verhältnisses von Bild und Schrift zeichnet sich unter den Oberflächenstrukturen der Bilder das Grauen ab, welches die Beziehungen der Menschen in unbegreiflicher Weise so unerträglich macht. Wenn Zylla in seinem Theatrum Mundi“ es dennoch gelingt, dem Ganzen noch eine lebensermunternde Seite abzugewinnen, (S. 19), dann es ist vielleicht jene Rauschhaftigkeit seiner Bilder, die den Betrachter in einen Trancezustand versetzt, in dem er die Grausamkeit von geschichtlichen Prozessen vergessen lässt.

Der aufwendig gestaltete Band, dem es lediglich im ersten Bildteil an designerischer Ideenkraft fehlt, überzeugt durch Bildqualität, einfühlsame interpretatorische Begleitung des Werkes, suggestive Darstellung des künstlerischen Werdegangs und durch das verlegerische Engagement von Paul Swiridoff (2002 verstorben), wie auch durch dessen Ehefrau Susanne Erding-Swiridoff.

Text © Wolfgang Schlott

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Klaus Zylla. Bilder und Künstlerbücher
in der Sammlung Würth. Künzelsau
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ca. 136 Seiten, 22,5 x 28 cm
ca. 210 Abbildungen

Leinen mit Schutzumschlag

Swiridoff Verlag, 2003

ISBN 3-934350-81-x

Preis 24,60 / SFr 41,50

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